Ein neues Pferd und eine simple Wahrheit
von Annette Kreiling-Behm · gedankenkraft.training · Lesedauer ca. 4 Minuten
Es war der heißeste Tag des Jahres. Bremsen, Hitze, und irgendwo auf einem LKW aus Bayern ein junges Pferd, das gleich seine neue Heimat kennenlernen würde.
Waldspitze – ich nenne sie Goldi – stand ruhig auf dem LKW, aufmerksam und wach, ohne eine Spur von Panik. Und ich dachte: Genau das ist es, was ich mir von meinen Pferden wünsche. Und – auch von mir selbst.
Ankommen dürfen – ohne Druck
Nach dem Öffnen der Trennwand sondierte sie erst einmal die Lage. Die steile Laderampe war ihr nicht ganz geheuer. Ich konnte förmlich hören, was in ihrem Kopf vorging: Wie komme ich hier gefahrlos runter?
Sie war hochaufmerksam und sichtlich angespannt, aber ohne Hektik und Panik – was man einem jungen Pferd, das gerade aus seiner Herde geholt wurde, gar nicht übel nehmen würde.
Es dauerte einen Moment, bis sie sich ein Herz fasste und bedächtig Schritt für Schritt die Rampe hinunterging.
Wir hatten sie nicht gedrängt – sie durfte selbst entscheiden, wann es sich sicher anfühlt.
Nachdem sie sich umgeschaut und wiehernd die anderen Pferde begrüßt hatte, ging ich mit ihr einmal rund um den Zaun, damit sie einschätzen konnte, wo sie war und wo die Grenzen lagen.
Das mache ich generell so mit neuen Pferden, denn erst wenn ich merke, dass sie innerlich angekommen sind, lasse ich sie los. Das verhindert kopfloses Herumrasen und verringert damit auch die Verletzungsgefahr erheblich. Bei Goldi dauerte das nur wenige Minuten. Klingt simpel, ist es auch – und trotzdem gönnen wir es uns selbst so selten: erst innehalten, schauen wo wir sind, und dann in Ruhe den nächsten Schritt gehen.
Vertrauen entsteht nicht auf Kommando
Goldi kommt von einer Züchterin, die ihre Stuten in der Herde und in Offenstallhaltung hält, und das merkt man ihr an. Aber nicht nur die Aufzucht macht dieses Pferd aus – auch die Abstammung spielt eine große Rolle. Ihr Vater Prinz Patmos wurde bei der Hengstleistungsprüfung für seinen außergewöhnlichen Charakter und seine Rittigkeit mit 9,0 bewertet, und auch Goldis Mutter sowie die gesamte Familie stehen für Pferde mit bestem Interieur. Das ist das züchterische Ziel dahinter: kein Pferd, das nur Leistung bringt, sondern eines, das souverän und gelassen durch die Welt geht. Innere Stabilität ist, vor allem aus Sicherheitsaspekten für Mensch und Tier, die Basis für einen verlässlichen Freizeitpartner oder ein erfolgreiches Sportpferd.
Goldi wurde erst mit 14 Monaten von ihrer Mutter und der Herde getrennt, was meiner Ansicht nach für die Vertrauensbildung von Pferden einen lebenslangen Vorteil hat. Von der allgemein üblichen Praxis, Fohlen bereits mit sechs Monaten abzusetzen, halte ich gar nichts, weil Mutter und Kind einfach noch nicht so weit sind.
Ein Fohlen ist zu diesem Zeitpunkt zwar in der Lage, ohne Milch von der Mutter auszukommen – aber noch lange nicht ohne deren Schutz. Wir kämen ja auch nicht auf die Idee, ein zwölfjähriges Kind ohne Grund von seinen Eltern zu trennen. So muss das aber für das Fohlen sein.
Die Natur regelt das idealerweise von selbst: Wenn eine Stute ein neues Fohlen bekommt, signalisiert sie dem älteren ganz natürlich, dass es jetzt Zeit wird, selbstständig zu werden. Das passiert rund um den elften oder zwölften Monat. Dann spüren die Jungpferde, dass es Zeit ist und sind wirklich bereit, ihren eigenen Weg zu gehen.
Und wir? Wir stehen oft genug selbst auf dieser Rampe. Die Erwartungen anderer ticken lauter als das eigene Bauchgefühl, der Kalender drängt, und wir funktionieren – statt zu spüren, wann es wirklich Zeit ist. Dabei bräuchte es manchmal nur einen kurzen Moment des Innehaltens, um zu wissen, was als nächstes dran ist.
Was Pferde uns zeigen, wenn wir hinschauen
Schon am dritten Tag hatte sich Goldi eingelebt, als wäre sie nie woanders gewesen. Sie läuft mir hinterher, lässt sich überall anfassen, und mit ihrer neuen Freundin Bayadera gibt es bereits gegenseitiges Mähne kraulen.
Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis davon, dass sie in ihrem Tempo ankommen durfte. Mit einem klaren Rahmen, aber ohne Druck von außen.
Diese Haltung übertrage ich auch auf die Arbeit mit Menschen: nicht Methoden, die von außen vorgeben, wie es zu laufen hat, sondern einen Raum, in dem du dich erst einmal umschauen darfst, in dem du spürst, wo du bist – und dann in deinem eigenen Tempo den nächsten Schritt gehst.
Denn ich bin sicher: Du weißt bereits, was richtig ist. Manchmal braucht es einfach einen ruhigen Moment, um es wieder zu hören.
Tiere lügen nicht. Sie reagieren auf das, was wirklich da ist – nicht auf das, was wir nach außen zeigen.
Deshalb arbeite ich mit Pferden: als Spiegel, als Resonanzraum, als die ehrlichsten Resilienztrainer, die ich kenne. Wer einmal erlebt hat, wie ein Pferd auf innere Unruhe reagiert – und wie es sich entspannt, sobald du wirklich präsent bist – der braucht keine weitere Erklärung.
P.S.: Ich vergebe Pferdenamen intuitiv. Sie erinnert mich mit ihrem Äußeren und ihrem Charakter an mein erstes eigenes Pferd – Goldika.