Endlich Urlaub. Du verbringst ihn am Bildschirm.
von Annette Kreiling-Behm · gedankenkraft.training · Lesedauer ca. 6 Minuten
Warum dein Nervensystem den Unterschied zwischen Strand und Sofa manchmal gar nicht merkt – und was wirklich nötig ist, damit aus Auszeit auch Erholung wird.
Auf meiner morgendlichen Laufrunde am Strand von Puerto Rico (Gran Canaria) fallen mir am Hotelstrand die zwei Liegen in der vordersten Front auf, die mit Handtüchern belegt sind. Diese sind wiederum fein säuberlich mit Wäscheklammern befestigt.
Das können nur deutsche Urlauber sein, geht es mir durch den Kopf. Ganz so neutral, wie ich mir das vorgenommen hatte, sind meine Gedanken doch nicht. Na ja, bin ja auch nur ein Mensch.
Ich setze mein Ausdauertraining bis zum nächsten leeren Strandabschnitt fort. Dort schaue ich aufs Meer. Das ist meine Meditation.
Auf dem Rückweg sehe ich im Augenwinkel, dass die Liegen nun besetzt sind: Die zwei Damen in meinem Alter sind mit schicken Badeanzügen bekleidet, ihre Frisur sitzt perfekt, und die Designer-Strandtaschen hängen an der Rückenlehne. Das Handy in der Hand. Während mein Blick schnell wieder aufs aufgewühlte Meer geht, bleibt der Blick der beiden nach unten gerichtet. Aufs Handy!
Der heiße Wind bringt heute bizarre Wolkenformationen am Himmel hervor, und die schräg stehende Morgensonne trägt mit einem interessanten Farbspiel zu der einzigartigen Himmelskulisse bei.
Es sind ungefähr 30 Minuten vergangen, als mein Magen mich ans Frühstück erinnert, das mein Mann im Ferienhaus für uns vorbereitet hat.
Als ich mich umdrehe, fällt mein Blick wieder auf die beiden Damen, die sich immer noch mit ihrem Handy beschäftigen. „Sehen die denn den spektakulären Himmel gar nicht und hören sie das tosende Meer nicht? Wenn sie das alles nicht interessiert, wozu sind sie dann überhaupt hier? Wozu geben sie Geld für Flug und Hotel aus? Scrollen können sie doch auch zu Hause“, schießt es mir durch den Kopf.
Ich war nie die, die im Urlaub einfach so am Strand liegt und Social-Media hat mich noch nie interessiert.
Aber ich war bis vor Kurzem die andere Version davon: Ich packte Bücher über Persönlichkeitsentwicklung ein, arbeitete mich durch Ratgeber, wollte jede freie Minute nutzen, um zu wachsen. Später kam der Kindle dazu, und statt Buchseiten zu blättern, scrollte ich durch eBooks und Kursinhalte. Natürlich – immer mit dem guten Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. (erfahre hier, was dahinter steckt)
Das Problem war nur, dass mein Nervensystem den Unterschied gar nicht bemerkte. Ob Social-Media-Likes jagen oder persönliche Entwicklung – beides hält das Gehirn in derselben Dauerbeschäftigung, und beides gibt das gleiche unterschwellige Gefühl: Ich muss mehr leisten. Ich muss etwas geben. Ich reiche nicht aus, wenn ich einfach nur hier bin und aufs Meer schaue.
Irgendwann habe ich verstanden, dass das, was ich angeblich lernte, eigentlich immer dasselbe war, nur anders verpackt und formuliert. Grundsätzlich war es ja nicht falsch, mir umfangreiches Wissen anzueignen. Nur war mehr Wissen keine Lösung für meine Erschöpfung. Es war auch nur intellektuell getarnter Konsum.
Übrigens: Diese Erkenntnis war sehr schmerzhaft. Konnte ich mich doch gut hinter meinem Wissen verstecken.
Aber alles, was ich konsumierte, kam von außen: das solltest du tun, so funktioniert das, so geht Wachstum, so entspannst du dich. In Wahrheit waren das übergestülpte Erfahrungen anderer Menschen, die mich unsicherer machten statt klarer.
Das Gefühl, ich muss noch mehr wissen, bis ich gut genug bin, spukte durch meinen Kopf, bis endlich der Groschen fiel: Das meiste, was wir wirklich brauchen, ist längst in uns. Die Fähigkeit, auf das eigene Wissen zurückzugreifen, auf die eigene Stille zu hören – die trainiert sich nicht durch mehr Input, sondern durch weniger.
Weniger werden. Stiller werden. Klingt einfach – und ist im echten Urlaub trotzdem selten Realität. Für die meisten sieht es nämlich anders aus: Du hast dich wochenlang auf Urlaub gefreut, den Koffer gepackt, den Autoresponder eingerichtet, dir selbst versprochen, jetzt wird wirklich abgeschaltet. Und dann liegst du am Strand oder auf der Terrasse, mit Blick auf eine Aussicht, von der andere nur träumen – und scrollst trotzdem weiter, durch Bilder von Menschen, die gerade ebenfalls im Urlaub sind, während dein eigener Urlaub live an dir vorbeizieht, ungesehen. Gewohnheit reist halt einfach mit.
Besonders für Unternehmerinnen, die ständig wachsen wollen, lohnt sich dieser Gedanke: Entwicklung braucht nicht nur Input, sondern auch Stille. Was wir gelesen, gehört und gelernt haben, muss irgendwann wirken dürfen – und das gelingt nur, wenn wir dem Gehirn die Pause gönnen, in der es das Aufgenommene überhaupt erst verarbeiten kann.
Warum Scrollen sich wie Pause anfühlt – aber keine ist
Das Tückische am Handy im Urlaub ist, dass es sich nach Erholung anfühlt. Du liegst oder sitzt bequem. Du tust nichts Anstrengendes. Kein Meeting, keine Deadline, keine To-do-Liste. Also muss das doch Entspannung sein, oder?
Leider nicht für dein Nervensystem. Das kann nämlich nicht zwischen Bildschirm im Büro und Bildschirm am Pool unterscheiden. Es registriert, wie immer, Reizdichte statt Urlaubsstimmung. Jedes Wischen, jedes Update, jede fremde Story ist ein Impuls, auf den reagiert werden muss. Dieses, wenn auch oft unbewusste Reagieren verhindert echte Erholung.
Dein Körper bleibt im Modus von „gleich kommt was“, auch wenn rund um dich Möwen kreisen statt Kollegen.
Echte Erholung kann beginnen, wenn du das Handy aus der Hand legst. Nicht neben dich, sondern ganz weg. Und dann ankommst – im Moment, im Körper, in dem, was gerade tatsächlich um dich herum passiert. Im Rauschen der Wellen statt im Rauschen des Feeds.
Was dein Körper stattdessen wirklich braucht
Fernsehen, YouTube, Serien-Marathons, endloses Scrollen – das alles fühlt sich nach Pause an, ist aber im Grunde nur eine andere Form von Dauerbeschäftigung. Dein Nervensystem bekommt dabei keine Ruhe, sondern lediglich eine bequemere Sitzposition.
Was es wirklich braucht, um sich zu erholen, ist etwas, das in unserer bildschirmverliebten Welt fast altmodisch wirkt: Langeweile. Stille. Den Blick, der einfach mal ins Leere geht, ohne dass sofort etwas nachgeliefert wird, das ihn beschäftigt. In diesen unausgefüllten Momenten beginnt sich das Nervensystem tatsächlich zu regulieren.
😄 Ja, auch die Langeweile am dritten Urlaubstag, in der du anfängst, Wolken nach Tierformen zu sortieren. Genau die ist Gold wert.
Der erste Schritt ist erstaunlich klein
Niemand muss seinen ganzen Urlaub lang mit dem Handy im Hotelsafe und schlechtem Gewissen bei jedem Gedanken daran digital-detoxen. Es geht um bewusste Lücken. Eine Stunde am Morgen ohne Bildschirm. Die erste halbe Stunde am Strand nur mit dem, was tatsächlich da ist – Sand, Wasser, das eigene Atmen. Das ist ein guter Anfang, um deinem Nervensystem zu zeigen: Du darfst jetzt wirklich runterfahren.
Und mit etwas Übung merkst du, dass diese Lücken irgendwann gar nicht mehr leer wirken, sondern dass sie der eigentliche Urlaub sind, den du dir gewünscht hast.
Ich bin übrigens noch mittendrin. Social Media interessiert mich wenig, aber WhatsApp und Nachrichten checke ich auch im Urlaub ständig – weil ich denke, im Betrieb läuft etwas schief, bei den Pferden passiert etwas, irgendjemand braucht mich. Manchmal rufe ich täglich zuhause an, frage nach, ob alles in Ordnung ist. Komplett abschalten ist mir also auch noch nicht gelungen. Aber ich arbeite daran. Wenn du dabei sein willst, wie ich diese ständige Erreichbarkeit in den Griff bekomme – lies weiter im Blog.